Konkrete Ästhetik in vielfältiger élégance

In unmittelbarer Nähe zu Stainz, beim Fuchswirt in Greisdorf, der für seine gastronomischen Schmankerln weit über die Landesgrenzen hinaus geschätzt wird, treffe ich an einem verschneiten, kalten Samstagnachmittag Ende Februar die Künstlerin Veronika Erhart.

Bei unserem ersten Gespräch erzählt sie von ihrer Kindheit in der Stadt Salzburg, ihrem späteren Leben im ländlichen Salzburgischen, aber auch von ihrer Wahlheimat Steiermark, die sie in Form eines Studiums in den 90er-Jahren in Graz bereits kennengelernt hat. Der Besuch in ihrem Atelier findet nur eine Woche später, Anfang März, statt. An einem wundervollen Vormittag ist die Temperatur über Nacht auf Plusgrade gestiegen und der Schnee weggetaut. Durch die großen Atelierfenster aus der Jahrhundertwende fällt gleißendes Morgenlicht und durchflutet das Atelier. Ihre Bilder, Objekte und Modelle für zukünftige Projekte wirken geradezu illuminiert, die Farben lackierter Oberflächen glühen, und die matten, dunklen bildbedeckenden Epidermen aus Vinyl, Quarz und Farbe – normalerweise prä­destiniert, Licht zu absorbieren – zeigen in ihrer archaisch verkrusteten Oberfläche plötzlich Strukturen mit ungeahnter Tiefenwirkung.

Zentral stehen Tafelbilder auf Aluminiumgrund, die, zu Kunstobjekten mutiert, ihre physische Präsenz durch veränderte Lichtverhältnisse variieren. Der Malgrund erhält durch Stapelung von rückseitig verschraubten Offsetdruckplatten eine zusätzliche Dimension, entwickelt so weitere (Kunst-)Körperlichkeiten. Ausschließlich gebrauchtes Material verwendet die Künstlerin, denn, wie sie anmerkt, „erst die Geschichte, die ein Material nach seiner eigentlichen Nutzung in sich trägt, eröffnet mir neue Horizonte“. Diese Aluminiumblechschichten, deren Einzelplatten durch geringfügige horizontale und vertikale Verschiebungen an den Bildseiten für lineare, räumliche Effekte sorgen, erreichen durch ihre Schattenwürfe eine besondere Tiefe. Veronika Erhart meint, dass ihr manchmal die Bildkanten dieser Werkgruppe fast wichtiger seien, als die Oberflächen. Aus der Sicht einer Malerin, die Objekte erschafft, Formen als malerische Konfiguration versteht, sicher ein wichtiger Denkansatz. Aber ohne diese mit Vinyl, Lack oder anderen Materialien gestalteten Frontalen, in altmeisterlicher Manier dünn lasierten Oberflächen, welche die Künstlerin in Ihrer Eleganz und Perfektion schichtweise aufbringt, würden auch die dahinter gereihten, Kanten bildenden Ebenen nicht so vollends überzeugen. „…langsam und sorgsam trägt sie Schicht für Schicht auf, zuunterst blau, braun, weiß, grau, darüber schwarze Lasuren, wässrig gezogen, Farbe abtragend und verwischend, Koloritreste freilegend …“ schreibt Margit Zuckriegl im Ausstellungskatalog  aluzinationen1)  über die Maltechnik von Veronika  Erhart. „Die Konkretheit des Darunterliegenden, der Objektkern hat fast höheren Stellenwert als die variable, durch Zufall ent-stehende Oberflächenstruktur“, ist dazu im Text des Kataloges impact cube1) aus dem Jahre 2011 angemerkt.
Sentiments, also Gefühle, sind diese Werke betitelt. Sie stammen hauptsächlich aus dem Jahr 2009. Gefühlsschichtungen, gebündeltes und gleichzeitig komprimiertes Aufeinandertreffen von Empfindungen, Festplatten, die Apperzeptionen in geballter Form speichern, scheinen diese Werke zu sein. In ihrer Verschwiegenheit sind sie unbestechlich und gestalterisch konkret – nur die harten Ausläufer, die geschichteten Bildkanten zeugen von den verborgenen Archiven in den uneinsehbaren Bildkernen. Ganz so, wie ich die Schöpferin der Objekte kennenlernen durfte. Voll Zartgefühl für Farbnuancen und Material und mit großer Empfänglichkeit ausgestattet, alles auf sie Einfließende ästhetisch in dieser, ihr grundeigenen, poetischen und stilbildenden Präzision in lyrische Exaktheit, vielleicht sogar „geschärfte grafische Prägnanz“, zu transformieren.

Eine Weiterentwicklung der Vereinigung geschichteter Platten ist die Formstapelung  mit Hilfe einer gekanteten Oberseite. Durch das Einhängen bzw. Aufeinanderlegen der L-Formen tragen sich die Bildteile selbst. Das Bildvolumen nimmt dadurch nicht nur an Tiefe zu, sondern wächst kontinuierlich auch ins Vertikale. Das kann verschiedene „mächtige“ Dimensionen ergeben, wie das Objekt sentiments  mit einer Tiefe von 7 cm oder auch schmale Vornehmheit vermitteln, wie die aus jeweils vier Offsetplatten bestehenden Werke unlimited (Tiefe 2 cm).

In anderen Arbeiten sind auch beschnittene Ränder der beschichteten Metallbleche zu sehen. Also auch die Farbrückstände, die nach einer Druckproduktion von den Gummiwalzen der jeweiligen Zylinder übertragen worden sind. So verbleiben nach einer vierfarbigen (CMYK) Offsetproduktion jeweils vier Platten in getrennten Farbauftragungen der Farben Cyan, Magenta, Yellow und Black. Die Verteilung und Verschiebung dieser Druckplatten hinterlässt auf den Bildkanten herrliche Farbinformationen, die in ihrer Gesamt- heit eine eigene Ikonografie ergeben.

In  der Werkreihe cubes2) arbeitet und experimentiert Veronika Erhart mit ganz reduzierten Farbkörpern,  buchschuberartigen Objekten aus gefaltetem Aluminiumblech, deren Seitenteile unverschlossen sind. Schachtelartig  ineinandergeschoben und rechtwinkelig verdreht vereinen sich Innenkubus mit größerem Überkubus zu Wandobjekten, die an Architekturmodelle von Walter Gropius oder Ludwig Mies van der Rohe erinnern. Die unterschiedliche Dimension der Raumwürfel, generiert die beidseitigen Schattenwürfe und gibt kleine Einblicke in den Innenraum frei, der in seiner Dunkelheit nur erahnbar bleibt. Die lackierten Oberflächen in Farbkombinationen wie rosa und braun, grau und weiß oder türkis und pink wirken spiegelglatt und betonen die strenge Struktur der Objektoberflächen. Bei genauer Betrachtung sieht man aber auch hier aus kürzester Entfernung die Eigenkonsistenz der Lackschicht, die von vielen Komponenten wie beispielsweise der Korngröße von Farbpigmenten oder der Auflösungsgeschwindigkeit leichtflüchtiger Lösemittel abhängig ist, die einer schnellen Antrocknung dienen und dabei eine miniaturhafte Stuktur hinterlassen können. Das bedeutet, dass auch aus rein technischer Sicht hier wieder eine zufällige familiäre Verbindung zu den Bildoberflächen anderer Werke der Künstlerin aus überarbeitetem Vinylmaterial hergestellt ist.
Durch ihre Eroberung von Räumlichem, definiert durch aneinandergelehnte Bildobjekte, explodieren impact cube-verwandte Oberflächen in ihrer Dreidimensionalität zu my cube-Arbeiten. Diese Vervielfachung der Dimensionen, eine „Verräumlichung“, die ihrer eigenen Struktur entstammt, ist geradezu genial. Scheinbar in den Hintergrund verlaufende Bildlinien und sich perspektivisch verjüngende Seitenteile sind in Wirklichkeit durch asymmetrisch angeschnittene Bildkanten definiert. Die Erzeugung von Räumen als Paradigma der Reduktion und die Möglichkeit, diese permanent veränderbar zu machen, ist der Künstlerin archetypisch gelungen. Raumtiefe wird einfach durch Raum definiert, der wiederum durch die veränderbare Stellung aneinanderliegender „Kunstwände“ variiert. Veronika Erhart dazu: „Die Tiefe, wenn Material zu Schwingung wird, wenn Starres zu tanzen beginnt … nur das Wesentliche – Eigentlich geht es um das Nichts.“

Der Salzburger  Kunsthistoriker, klassische Archäologe und Kulturpublizist Anton Gugg war ein besonderer Kenner des Werks von Veronika Erhart und auf Grund seiner Ausbildung prädestiniert, über Inhalt und Symbolik, Motive und Darstellungsweise der Künstlerin zu forschen. Sein Aufsatz „Elementarwandlungen – Raum und Erde in den Arbeiten von Veronika Erhart“ endet im letzten Absatz mit einem pointierten Statement über die Künstlerin und die Ikonografie ihrer Werke: „Veronika Erhart stellt Fragen, die kennzeichnend sind für die Epoche allgemeiner Destabilisierung. Was mühsam zu öffnen war, ist längst aufgerissen. Die klassisch moderne und die zeitgenössische Kunst handeln von diesem allumfassenden Vorgang. Eine schmale Grenzbewegung versucht die Eindämmung des Verströmenden und die Rekonstruktion alter Sicherheiten wie Raum und Materie. Veronika Erharts beeindruckende Arbeitskonsequenz setzt einen Kontra-Imperativ. Ihre Bild/Objekte sind wie Rufzeichen gegen den Strom der Auflösung.“

Von Beginn an war im Schaffen von Veronika Erhart die Linie von großem Interesse. „Daher geht es in meinen Werken auch immer um eine Reduzierung auf diese Linie. Durch das zueinander Neigen und Anordnen von Materialien wie Alu oder Stahl entstehen übergreifende Objekt- und Raumlinien, vor allem bei den Großskulpturen der letzten Jahre“ meint sie. Die totale Reduzierung verfolgte sie im Jahre 2007 mit ihrem Projekt quader. An einfarbig lackierten großformatigen Metallplatten, meist in einem gebrochenen Weiß, das an helle Chamoistöne erinnert, erzeugt sie ausschließlich durch eine Knickung des Materials Räumlichkeiten, die durch Schattenwürfe definiert werden. So entstehen dreidimensionale Objekte von großer Klarheit, die durch wechselnden Lichteinfluß ihre Form verändern. An Schönheit (inklusive der Anwendung des Schönheitsbegriffs und dessen Interpretation auf Künstlerisches im Husserlschen Sinne3) und durch absolute Reduktion des Gestalterischen sind  diese Werke für mich an Ebenmaß nicht zu überbieten.

Veronika Erhart startet gerade ein Kunstprojekt in der gemeinnützigen Stiftung Stieglerhaus in St. Stefan ob Stainz, das sie über einen längeren Zeitraum geplant hat. Genaueres will sie im Vorfeld nicht verraten, nur dass es sich im weitesten Sinne mit Menschen vor Ort, der grafischen Umsetzung von Körperlichkeiten befassen wird. Denkansatz ist das Einlassen auf Begegnung und Kommunikation und der Versuch, deren Gesamtheiten zu erfassen. „Reduzieren auf Wesentliches, Herausnehmen von Inhalten und sichtbar machen durch Linien“, umreißt sie ihre diesbezügliche Intention. „Alles darf bleiben, aber pur.“ Auch dieses kreative Vorhaben wird die konsequente Weiterführung ihrer künstlerischen Arbeit sein. Dinge aufzunehmen, eine Reduzierung des Gesamten vorzunehmen und daraus „ihre“ Linie zu kreieren, ohne dass inhaltliche Abstriche gemacht werden müssten. Eine Kompression in die Klarheit ohne Rezession der Botschaft.

Große Resonanz gab es auf die Salzburger Ausstellung  „aluzinationen“ in der „Galerie der Stadt im Mirabellgarten“ zu der ein ausführliches Katalogbuch3) erschienen ist, und im vergangenen Jahr zur Ausstellung „monochrom“ in der Galerie im Drauknie in Sachsenburg.

Die Künstlerin ist in verschiedensten wichtigen Sammlungen vertreten, unter anderem im Kunstmuseum Lentos in Linz, der Sammlung Neumann in Salzburg und der Artothek des Bundes. In Graz wird sie durch die Galerie Leonhard vetreten, die von den beiden Besitzern, Mag. Benedikt Steinböck und Franz Lummermeier geführt wird und durch ihre Spezialisierung auf Op-Art und Konkrete Kunst ein internationales Sammlerpublikum anspricht. Für September dieses Jahres projektiert sie gerade eine Collage ihrer Arbeiten, die im ORF Landesstudio Steiermark präsent sein wird. Eine szenisch-dokumentarische Präsentation der Dislozierung von „Künstlerin und Werk“ aus Salzburg in die Steiermark, die im Vorfeld temporär an verschiedensten Grazer Orten gastiert.


Veronika Erhart ist auch als Dozentin an mehreren Kunstakademien tätig und gibt bei Interesse Privatkurse in ihrem Atelier. www.veronika-erhart.com

1) aluzinationen, Ausstellungskatalog, Galerie der Stadt im Mirabellgarten/Vogelhaus. Mit Texten von Margit Zuckriegl und Gedichten von Max Garzarolli, Salzburg 2010.

2) impact cube, Ausstellungskatalog. Mit einem Text von Anton Gugg, Salzburg 2011.

3) „Das einzelne schöne Objekt entsteht und vergeht, sagt Platon weiter, und es wechselt die Eigenschaften. Aber die Idee der Schönheit entsteht nicht und vergeht nicht. Sie ist nicht wie das empirische Objekt im Raum oder in der Zeit, nicht bald hier, bald dort, sie verändert sich nicht, sie ist, was sie ist, als ein Ansich, sie ist etwas, das zeitlich zur Erkenntnis kommt oder nicht zur Erkenntnis kommt, vom Subjekt erschaut oder nicht erschaut wird, aber darum nicht erst wird mit dem Erschauen und nicht vergeht, wenn das Erschauen aufhört. Die Schönheit an sich, die Idee, ist was sie ist, mag es in der Welt im wahren Sinne Schönes geben oder nicht geben, und wieder, mag es Menschen geben, die sie erschauen oder  nicht.“ Edmund Husserl, Vorlesungen 1916–1920. Husserliana, Band 9., Hrsg. von Hanne Jakobs, Springer Verlag 2012.

Photographie & Text: Robert W. Sackl-Kahr Sagostin
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