„Gleich außerhalb von Stainz bin“ ich, sagte Vroni verheißungsvoll am Telefon, als sie versuchte, mir den Weg zu ihrem Atelier zu beschreiben. Wir sahen uns zuletzt Ende der 70er-Jahre in Graz in der Bücherstube, wo sie zwischen Literarischem eine Ausstellung aus Keramikobjekten, Schmuck und Wollwebbildern arrangiert hatte. Einige ihrer handgeformten und liebevoll bemalten Vögel aus Ton, die ich damals erstand, wechselten stets mit mir die Wohnsitze und zieren schon seit über 40 Jahren meine Osterbouquets in Italien, Marokko, Frankreich und Österreich.

Die Fahrt nach „gleich außerhalb von Stainz“ bedeutete dann eine abenteuerliche Erkundungsfahrt vom Stainzer Hauptplatz: vorbei an einer vielversprechenden Vitrine mit einigen ihrer Objekte und dem handschriftlichen Hinweis „Vroni Katona – Am Neurathberg“, über immer kleiner werdende Straßen, die teilweise zu fast unpassierbaren Waldwegen mutierten. Diese, entweder mit Holz beladenen Anhängern oder Traktoren verstellt, teilweise durch Fahrverbotsschilder aufgrund von Bauarbeiten abgesperrt, endeten in Serpentinen, die sich bergauf in mir unbekannte, ferne Gebiete schlängelten. „Am Neurathberg“ hatte ich mir gemerkt, und diese Adresse „Am Neu- rathberg“ hat doch tatsächlich eine Stainzer Postleitzahl und gibt sozusagen vor, zu Stainz zu gehören oder wenigstens in der Nähe zu liegen. Die Zweifel, mein Ziel zu erreichen, nahmen rapid zu, obzwar die Wegbezeichnungen idyllisch und verheißungsvoll klangen. Fuhr ich doch über eine Engel- weingartenstraße geradezu himmelwärts Richtung Neurathdorfstraße, um danach die Gamsgebirgstraße zu erklimmen, an deren fast höchstem Punkt tatsächlich Vronis Atelierhaus eingebettet im Abhang erkennbar wurde. Mit herrlichster Aussicht zum Stainzer Schloss, gerade ganz so eindrucksvoll, wie das Motto der Künstlerin und ihrer kreativen Arbeit: „Ich möchte für den Betrachter einen Raum für freundliche Träume schaffen – einen Moment des lächelnden Innehaltens“. Der Schriftsteller Markus Jaroschka, Herausgeber der Literaturzeitschrift Lichtungen, beschrieb es schon im Jahre 1992 treffend: „In der Weststeiermark, hoch über Stainz, im Gamsgebirg, schmiegt sich ein altes Winzer- haus an einen steil abfallenden Hang“1). Weinstöcke ranken sich den Holzbalkon empor. Darunter der märchenhafte Garten und Wälder, in denen sich Lärchen und Tannen, Ahornbäume, Eichen, Erlen und Birken zusammengefunden haben. In weiter Ferne ist bei gutem Wetter die Grenzregion sichtbar, und der „Pohorje“, das Bacherngebirge, schon im Nordslowenischen liegend.

Vroni (Veronika) Katona wurde in einer Vollmondnacht am 24. Dezember 1950 in Mürzzuschlag geboren und wuchs in Semmering auf. Dank ihres Vaters, der vor Ort als Eisenbahnbediensteter bei den Österreichischen Bundesbahnen tätig war, entwickelte sie schon früh eine innige Beziehung zum Semmering und dem niederösterreichisch-steirischen Grenzgebiet. In ihren Kindheitserinnerungen sind die vielen Parade- lokomotiven, die sich durch steile Felswände hindurchschlängelten, Brücken und Viadukte überquerten und die Bahnstrecke mit ihrem Dampf in weiße Nebelschwaden hüllten, unauslöschlich. Natürlich auch die „inoffiziellen“ Besuche des feudal eingerichteten kaiserlichen Warteraums mit den Plüschgarnituren und vielen Bildern aus Triest im alten Bahnhofsgebäude, das leider in den 80er-Jahren abgerissen wurde. Und die letzten Gäste, die auf dieser ehemals wichtigen Station der Südbahn ausstiegen, um im berühmten Höhenluftkur- und Fremdenverkehrsort mit dem Kurhaus „Semmering“ am Wolfsbergkogel zu urlauben – im Hotel Panhans, Hotel Erzherzog Johann, Palace Hotel, Südbahnhotel oder exquisiten Privatquartieren. Eine Spur der Belle Époque, die zwei Weltkriege überdauerte und bis in die 50er-Jahre für Vroni Katona noch ahnbar war.

Die berühmte Keramikschule in Stoob (heute Landesfachschule für Keramik und Ofenbau) im Burgenland wurde nach dem Besuch der mittlerweile stillgelegten Semmeringer Schule ihre erste Ausbildungsstätte. Es ist der einzige Studienort Österreichs, der als berufsbildende mittlere Schule Techniken und handwerkliche Fertigkeiten der Keramik und des Ofenbaus vermittelt. Hier konnte sich die Künstlerin alle technischen Grundlagen aneignen, bevor sie nach Graz in die HTBLA am Ortweinplatz wechselte und 1970 ihre Ausbildung bei Prof. Anneliese Losert in der Abteilung Keramik abschloss. Übrigens zusammen mit ihrer damaligen Freundin Rosa Maria Ramskogler, die nach ihrem Studium an der Hochschule für angewandte Kunst in Wien eine international bekannte Keramikkünstlerin wurde. Vroni heiratete bald ihren zwei Jahre älteren Studienkollegen Nikolaus Katona im Schloss Mirabell und ließ sich mit ihm zuallererst in Salzburg bei einem befreundeten Künstlerehepaar nieder, um schöpferisch zu arbeiten. Anfänglich an kybernetischen Objekten aus Draht und Circle Mobiles aus verschiedensten Materialien, in deren Gestaltung der Stil ihrer späterern Jahre partiell schon zum Ausdruck kommt. Der Keramiker, Maler und Bildhauer Arno Lehmann, der über den Dächern der Stadt, in der Festung Hohensalzburg sein Atelier betrieb, wird wichtiger Kontakt und künstlerischer Ansprechpartner des jungen Künstlerpaares. Bald übernimmt Vroni Katona in Stuttgart die keramische Lehrwerkstatt der „Werkhaus Werkschule Merz“ und vermittelt ihren Schützlingen Basisgrundlagen sowie auch künstlerische Gestaltungstechniken der Keramik – ganz im Sinne dieser bekannten Bildungs- und Erzie- hungsinstitution, die nach ihrem Gründer, Senator Albrecht Leo Merz, benannt ist und deren besonderes Anliegen darin besteht, Menschen heranzubilden, die alle ihre Fähigkeiten einsetzen, um geistiges Erkennen und schöpferisches Gestalten für Leben und Beruf zu verwenden.

Es war die Zeit des Reggaes, Werke von Carlos Castaneda wirkten äußerst inspirierend und in ihrem Album „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ hatten die Beatles bereits die Erfüllung der kommenden Jahre verkündet: „a splendid time is guaranteed for all“. 1973, auf der Fahrt von Deutschland in die Türkei auf der Suche nach einem neuen Lebensort, macht das Ehepaar Katona in der Weststeiermark Station. Ehepartner Nikolaus, ein gebürtiger Burgenländer, ist von diesem Landstrich begeistert und liebt vom ersten Augenblick an das idyllische Konglomerat aus Weinbergen, Mischwald und unberührter Natur. Vergessen sind alle Pläne, nach Südosteuropa auszuwandern und irgendwo an der Ägäis Fuß zu fassen. Sie siedeln nach Stainz und beziehen das von der Großmutter geerbte Winzerhaus „Am Neurathberg“. 1975 kommt Tochter Theresia zur Welt. Nikolaus, handwerklich äußerst begabt, renoviert das Gebäude, erweitert es um den Ausstellungsraum und gestaltete für seine Frau ein Atelier samt Brennofen. (Schon Vronis Großvater war äußerst innovativ und baute in den 20er-Jahren im Wohnzimmer sogar Türen aus dem alten Südbahnhotel am Semmering ein.) Vroni Katona ist fortan im Winzerhaus als freischaffende Kunsthandwerkerin tätig und ihr Mann steht ihr bis zu seinem Tod 2015 helfend zur Seite. Tochter Theresia studierte in Wien und arbeitet mittlerweile selbst sehr erfolgreich als Künstlerin. Zusammen mit Barbara Seyr gründete sie das Kollektiv KATSEY und widmet sich der künstlerischen Fotografie. Sie ist unter anderem Initiatorin von „Der mobile Fotosalon“2) unter dem Motto „Jeder hat ein Recht auf Ewigkeit“.
Durch das Zusammentreffen mit einem Ehepaar aus Los Angeles, welches die Katonas bei einem Flohmarkt in Stainz kennenlernten, und die Freundschaft mit einer in der Gegend lebenden Amerikanerin erfolgte Ende der 70er-Jahre die erste Annäherung zur Lehre des Zen-Buddhismus. Auch der Sternhof in Arnfels, ein ehemals verfallenes Bauernhaus, das von Erika Mis-Swoboda 1974 bezogen wurde und deren Kommune als Zentrum für alternative Lebensformen Berühmtheit erlangte, war inspirierend für das Geistesleben Vroni Katonas. Den Kontakt zu ihrem ersten Zen-Lehrer Genro Seiun Osho erhielt sie durch Anregung des Ehepaares Erich und Dorli Skrleta, Pioniere des Buddhismus in Österreich und Gründer des Octopus-Verlages, der durch seine zahllosen Veröffentlichungen zu fernöstlichen philosophischen Themen wegweisend ist. Genro Seiun Osho war zeitweilig Abt des Zen-Zentrums „Bodhi Manda“ in New Mexico und baute viele Klöster in den Vereinigten Staaten auf, bevor er das „Bodhidharma Zendo Wien“ am Fleischmarkt gründete und bis zu seinem Tod in Österreich lebte. Durch ihn ergaben sich für Vroni Katona weitere Verbindungen nach Amerika. Beispielsweise zum „japanischen Rinzai-Rōshi“ Kyozan Joshu Sasaki, Gründer und Abt des „Mount Baldy Zen Centers“ in den San Gabriel Mountains nördlich von Los Angeles. Über diesen – er verstarb 2014 im Alter von 107 Jahren – lernte sie wiederum Bob Dylan kennen, den sie nicht nur als Musiker und Lyriker, sondern auch als Zeichner und Maler verehrt, sowie Leonard Cohen, der dem abgelegenen Kloster jahrzehntelang stark verbunden war und dort selbst lange Zeit als Mönch lebte. Er reklamierte gerne buddhistische Meister, und besonders sein besinnlich-anthologisches Lieblingszitat „Aus dem zerbrochenen Schutt meines Herzens will ich dem Herrn einen Altar errichten.“ ist Vroni Katona in immerwährender Erinnerung. Auch bei meinem Besuch am Neurathberg dringt aus dem Wohnzimmer ganz leise die Stimme Leonard Cohens auf die alte Holzterrasse und verflüchtigt sich im Gemenge frühsommerlicher Gewitterwolken. „Die Lieder zum endgültigen Abschied“ – das Album „You Want it Darker“ mit seiner unglaublich himmlischen Tristesse – ist jetzt nur erträglich, weil Vroni als begnadete Köchin eine herrlich duftende Paradeissuppe mit Gartenkräutern auf den Tisch stellt, dazu Käse aus der Gegend, frisch gebackenes Brot und eine Flasche Wildbacher.

Und ihre Kunst? Ich sollte über ihre unzähligen märchenhaften Schöpfungen schreiben. Über Bildteppiche, die gewebte Seelenlandschaften darstellen: feenhaft, mythisch, mirakulös. Replikate ihrer phantastischen Reisen aus gefärbter Wolle und Keramik. Meditationsbilder, beheimatet zwischen weststeirischem Gamsgebirge und Tempel- anlagen, Pagoden, Klöstern und Stupas irgendwo auf dem Weg von Kushinagar nach Ningbo. „Itaipu“, „Paradies“, „Regenvogel“ oder einfach „Baum“ sind sie betitelt. Ein Löwe räkelt sich friedlich neben einem am Teich spielenden Kind, der von einem alten Olivenbaum beschattet wird. Immer wieder überrascht die Anwesenheit dieser geheimnisvollen Vögel. Als Stammgäste der vielen Kunstgattungen Katonas – Kleinplastiken, die am offenen Feuer unglasiert gebrannt wurden, glasierte keramische Arbeiten, Webteppiche, künstlerisch gestaltete Gebrauchsgegenstände und Schmuck – nehmen sie mit pastellfarbenem Gefieder auf Wollwolken Platz. Vergoldete Exemplare verteilen sich flügelschlagend über arkadischen Landschaften. In alten keramischen Krippen bewachen sie den Schlaf kleiner Mädchen.
Beeindruckend im OEuvre Katonas ist die fließende Verbindung zwischen Flachwebe, glasiertem Wandbild und Skultpur. Das Gesamtwerk bildet eine Bibliothek von Artefakten, die ihre immerwährende Reise ins persönliche Paradies dokumentiert. Vroni Katonas persönliche Abbildung der Welt, die Wahrnehmung, Erfahrung und Erkenntnis der Künstlerin in Material und Farbe komprimiert. Äußerst wirkungsästhetisch und zudem rezeptiv.

Da ist viel Vorsicht geboten. Solche Paradiese können zu höherer Einsicht verführen. Die Abgründe dieser Stätten des Friedens, des Glücks und der Ruhe liegen aber nur scheinbar im Dunkeln und sind durch ihr Versteckspiel umso bedrohlicher, weil materialverwebt, von Keramischem umschlossen, unter zarten tönernen Tülldecken verborgen, von heiterfarbigem Anthropogenen kaschiert. Diese ahnbaren Schlünde, deren Tiefen geradezu in den Abaddon führen – beispielsweise denke ich an die friedlich wirkenden Gebäude der Arbeit „Weltkreis (mit 8 Häusern und 9 goldenen Vögeln)“ –, sind unübersehbar und strahlen eine geradezu ominöse, verderbliche Gelassenheit aus.

Mein Augenmerk gilt nun der Musik: Nach „You Want it Darker“, hat Vroni die Schallplatte „The Times They Are a-Changin’“ von Bob Dylan aus dem Jahre 1964 mit dem Song „With God on Our Side“ aufgelegt: „So now as I’m leavin’, I’m weary as hell / The confusion I’m feelin’ ain’t no tongue can tell / The words fill my head and they fall to the floor / That if God‘s on our side, he‘ll stop the next war“3).

Vielleicht nicht zufällig hat Reinhard P. Gruber seinen liebevollen Essay „Frau Wolle“ über die (Lebens-)Künstlerin, 1992 mit den Zeilen begonnen: „Die Bilder der Vroni Katona sind so schön, daß ich beim Anblick des ersten auf der Stelle untot umfalle.“4)


1) Markus Jaroschka: Bildlandschaften als Nachrichten vom Paradies. Lichtungen, Zeitschrift für Literatur, Kunst und Zeitkritik. Nummer 52/XIII, Jg. 1992. 2) Fotos mit einer Prise Hollywood, Bericht ORF-Wien heute, 6.12.2012. www.mobilerfotosalon.at, https://katsey.org/ 3) So, nun da ich gehe, bin ich hundemüde. / Die Verwirrung, die ich fühle kann man nicht in Worte fassen. / Die Worte füllen meinen Kopf und fallen zu Boden. / Wenn Gott auf unserer Seite ist, wird er den nächsten Krieg aufhalten. 4) Reinhard P Gruber: Frau Wolle. Lichtungen, Zeitschrift für Literatur, Kunst und Zeitkritik. Nummer 52/XIII Jg. 1992.

Photographie & Text: Robert W. Sackl-Kahr Sagostin
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